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Minentour in den Cerro Rico

28.09.2009 - Potosi

Potosi war die Schatzkammer Südamerikas, "die Stadt, die der Welt am meisten gegeben hat". Für die Indigena war Potosi dagegen der "Eingang zur Hölle". Verunglückten und starben die Zwangsarbeiter nicht in den Stollen, so erlagen sie früher oder später den unmenschlichen Arbeitsbedingungen in dieser Höhe oder an den Vergiftungen des Quecksilbers, das als Scheidemittel eingesetzt wurde. 

Noch heute arbeiten ca. 6000 Bergarbeiter in einem der zahlreichen Minenschächten (inzwischen gibt es etwa 300 Eingänge, der Berg gleicht einem Schweizer Käse). Sie sind in Kooperativen organisiert und bis heute haben sich ihre Arbeitsbedingungen, die sich nicht mit denen in Europa vergleichen lassen, kaum verändert. Wir wollen uns selbst ein Bild vom harten Arbeitsalltag der Mineros machen und buchen deshalb eine Besichtigungstour.

Im Agenturbüro erklärt man uns auf dem nachfolgenden Schaubild, wie die Tour in der Mine ablaufen wird. Mit dem Bus geht es auf 4325m zum Mineneingang (auf dem Bild links oben), dann etwa 500m in den Berg hinein zu einem Museum und später die einzelnen Level hinunter, wo die Bergleute nach ihrem Glück suchen...

Vorab werden wir darauf hingewiesen, das die Minen zwar belüftet werden, aber trotzdem giftige Dämpe (Arsengas, Schwefeldämpfe, Grubengas) in den Stollen eingeatmet werden könnten. Die Temperatur kann auf über 35°C ansteigen und wer Asthma oder Platzangst hat, dem wird davon abgeraten in die Mine abzusteigen. Uns wird doch etwas mulmig, zu mal wir im Internet auch schon einige Berichte gelesen hatten, die sehr krass klangen.

Lageplan

Nachdem wir von oben (Helm) bis unten (Gummistiefel) eingekleidet wurden, fahren wir auf den Straßenmarkt der Bergarbeiter. Hier versorgen wir uns mit Geschenken für die Arbeiter. Für knapp 3,-€ kaufen wir eine komplette Sprengausrüstung (Dynamit, Kunstdünger und Zündschnur samt Sprengkapsel), Softdrinks und Kokablätter. Angeblich ist dies der einzige Markt weltweit, wo jeder legal Dynamit kaufen kann. Auf den 96% Alkohol verzichten wir, da heute Montag ist und die Minenarbeiter den Rausch vom Wochenende noch auskurieren sollen. Das Kokablätterkauen probieren wir gleich selbst aus, da es gegen die Höhe helfen sollen. Später auf unserer Reise steigen wir lieber auf Kokatee um, da die ganze Kauprozedur etwas Übung und Ausdauer erfordert.

Cocamarkt
 
Als nächstes besichtigen wir einen der gesteinsverarbeitenden Betriebe, wo das Erzgestein in großen Stahlmühlen zermalmt und schliesslich in Wasser und Säurebädern in Gestein und Metalle getrennt wird. Die Zeiten, als die Spanier das pure Silber aus dem reichen Berg geschlagen haben, sind längst vorbei. Heute hat das Silber nur noch einen Anteil von rund 3 bis 5%, den größten Anteil bilden Blei und Zinn. Schon hier verteilen wir einige Kokablätter an die Belegschaft, die dankend angenommen werden. Nach einem kurzen Fotostopp am Fuße des Cerro Ricos (mit Silber auf den Wangen) geht es dann endlich zum Mineneingang.

Anne und Maik vor Cerro Rico

Zuerst können wir noch aufrecht gehend die rund 500m bis zu einem kleinem Museum in den Berg hineinlaufen. Dort ist neben Werkzeugen, Fotos, historischen Zeitungsartikeln, der "Tio" zu sehen. Die Mineros verehren den Tio ("den Onkel"), den Teufel aus dem Berg, der sie nach ihrem Glauben mit Reichtum beschenkt oder ins Verderben stürzt. Um ihn gnädig zu stimmen, beschenken sie ihn mit Kokablättern, Alkohol und Zigaretten. Auch wir bitten ihn, dass er uns wieder heil aus dem Berg herauslässt...

Anne und Maik vor Tio

Über immer enger werdene Gänge, Steinrutschen, Leitern und zum Teil auf allen Vieren begeben wir uns immer tiefer in den Berg hinein. Das Atmen wird zunehmend schwieriger (das Halstuch muss immer wieder vom Mund genommen werden), die Temperatur steigt spürbar an, aber noch ist es auszuhalten.

Anne steigt ab

In den verschiedenen Leveln treffen wir auf mehrere Minenarbeiter. Unser Guide (der selbst mal in der Mine gearbeitet hat) erklärt uns die Arbeit dieser jungen Mineros und wir können Fragen stellen. Den bleibensten Eindruck hinterläßt bei uns der 19 jährige Carlos, der seit 6 Jahren in diesem Stollen arbeitet. Wie schon sein Vater führt er die Familientradition weiter. Täglich rackert er 8 bis 10 Stunden unter Tage, ohne etwas zu essen und nur wenig zu trinken. Knieend, mit einer dicken Kokabacke arbeitet er im Dunklen völlig abwesend und in sich gekehrt vor sich hin. Ohne Presslufthammer, nur mit Hammer und Meißel, schlägt er ein 1m tiefes Loch für das Dynamit in die Wand, für welches er rund 2h benötigt. Er ist nur mit einem Helm zum Schutz ausgestattet, auf Atemschutz wird meist verzichtet, da er das Atmen nur noch mehr erschwert.

Kein Wunder, dass die Lebenserwartung der Mineros unter diesen Arbeitsbedingen nur 40 bis 50 Jahre beträgt. Die meisten erkranken nach 10 Jahren schuften im Berg tödlich an einer Staublunge. Doch der relativ hohe Verdienst (100,- bis 500,-€ pro Monat je nach Stellung - in Bolivien beträgt der Mindestlohn 60,-€) und die Hoffnung auf eine gewinnbringende Ader zu stoßen, veranlassen die Männer täglich erneut ihr Leben zu riskieren. Leider fehlt es auch an beruflichen Perspektiven - stirbt der Berg, stirbt Potosi - sagt man...

Arbeiten

Als eine tonnenschwere Lore mit Erzgestein ankommt, die von 4 Männer (wie Esel vor den Wagen gespannt) gezogen bzw. geschoben wird, können wir selbst mal zur Schaufel greifen, um den Bergleuten für kurze Zeit eine Pause zu verschaffen. Schnell spüren wir die anstrengende Arbeit und sind froh nach nur 4 mal schippen, die Schaufel wieder abgeben zu können.

Arbeiten

Nach zwei Stunden unter Tage erblicken wir geschafft, verstaubt und verschwitzt wieder das Tageslicht. El Tio hat uns wieder unversehrt aus dem Berg herausgelassen.Die Tour war schon anstrengend, aber doch nicht ganz so schlimm, wie wir vorher befürchtet hatten.

Glücklich wieder draußen

Zum Abschluß präpariert unser Guide noch zwei Dynamitstangen, um uns die gewaltige Sprengkraft zu demonstrieren. Ein Foto mit der brennenden Lunte will sich keiner der Männer entgehen lassen. Rund 2 Minuten verbleiben bei dieser Zündschnurlänge bis zur Explosion. (siehe Video)

Maik und Dynamit

Die Minenarbeiter, die Mineros von Potosi sagen, wer die Silberminen des Cerro Rico, des reichen Berges nicht gesehen hat, hat Potosi und damit auch Bolivien nicht gesehen. Und das stimmt! 

Weitere Fotos vom Tag befinden sich hier, sowie zwei kleine Videos.
 



Was für uns nur ein Abenteuer war, ist leider für ca. 1000 Kinder (zwischen 8 und 16 Jahren alt) Alltag. Kinderarbeit ist in den Minen von Potosi nichts ungewöhnliches. Zwar ist Kinderarbeit in Bolivien offiziell verboten, doch in den Minen herrschen andere Gesetze.

The Devil's Miner - Der Berg des Teufels - Kinder als Minenarbeiter in Potosi

Die Dokumentation ist ein absoluter Tipp, um mehr über die Geschichte dieser Kinder zu erfahren - hier der Trailer (mit englischen Untertiteln). (Wer sich die DVD bei uns mal ausleihen möchte, schreibe eine kurze Mitteilung über das Kontaktformular)





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